Die Sprache der Musik – dialektische Zeitkunst

Wie genau hören? Wie neugierig sein?
Was hat Komponieren mit Denken zu tun, was Denken mit Zuhören? Und was Denken und Zuhören mit Lust?
Wie läßt sich adäquat über Musik nachdenken? Oder denkt die Musik etwa selber? Denkt es in ihr?

Mit der Sprache teilt sie die Tücken der Beziehung von Form und Inhalt, die nicht zuletzt ihre Ästhetik ausmacht. Zu Papier oder vielmehr zu Gehör gebracht wird sie, also in eine Form, formalisiert und objektiviert vom Subjekt. Gehorcht sie gar einer Grammatik? Paradoxerweise ist sie ebenso abstrakt strukturell wie sinnlich wahrnehmbar.

In welcher Konstellation stehen Komponistin, Musik, Hörer zu einander?
Geht es vorrangig um Ausdruck oder um Eindruck? Haben wir einen Expressionismus oder einen Impressionismus – oder etwas ganz anderes?

Was aber bedeutet die Musik? Was passiert in der Musik? Welche Bedürfnisse sind in ihr?
Und was ist Neue Musik?

Die sogenannte Neue Musik ist nicht die jeweils jüngste Musik, sondern als Fachausdruck bezeichnet sie die endgültige Aufkündigung der konventionellen, klassischen Formen nach 1900.
Und man fragt sich, warum ausgerechnet nun, zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich derart revolutionäre Umbrüche im musikalischen Material vollziehen. Hat das seinen Grund in innermusikalischen Entwicklungen, die ja über die Jahrhunderte von Barock, Klassik, Romantik und Impressionismus immer gewagtere Ästhetiken hervorgebracht haben? Oder hat das seinen Grund in der außermusikalischen Gegenwart einer Welt, die zwar mit den jüngsten Erfindungen wie Automobil, Flugzeug, Telefon, Grammofon und Stummfilm die Welt umwälzt, aber auch schon die Erfindung von Panzer, Giftgas und Maschinengewehr vorausahnen läßt? Einer wie nie zuvor beschleunigten Welt, die für manche immer komfortabler geworden ist, aber noch den hinterletzten Winkel der Erdkugel kolonisiert und ihrer Ausbeutung unterworfen hat?
Doch ist die Frage falsch gestellt: Musik kündet immer schon von ihrer Zeit und deren Menschen, deren gesellschaftlicher Entwicklung. So lebte die strukturelle Harmonie des Barock als höfische Kunst von zeitgemäßen Ordnungsvorstellungen der herrschaftlich-absolutistischen Kultur. Und schon die Ausdrucksformen von Romantik und Impressionismus entstehen in einem 19. Jahrhundert, das der Subjektivität des aufgeklärten Menschen zunehmend suspekt wird, in jener so formierten wie turbulenten Gesellschaft, die zwischen bürgerlicher und reaktionärer Herrschaft ebenso noch umkämpft ist wie schon zwischen bürgerlicher und proletarischer Emanzipation.
Es sind dies, an der Schwelle zum 20. Jahrhundert mehr denn je, Zeiten der totalen Umwälzung aller Lebensbereiche und zudem der Wissenschaften. Grundlagen der Geometrie und Physik, das uralte Weltbild der Menschen wird durch die Relativitätstheorie nicht weniger erschüttert als das Alltagsleben derer, denen kapitalistische Krisenschübe den Boden unter den Füßen wegziehen. Nichts wird mehr so sein wie zuvor, das wird bereits geahnt und ruchbar, bevor es manifest wird; der säkulare Prozeß ist längst kenntlich, Dahindämmern der Religion, Heraufziehen der Moderne, Umwertung aller Werte. Und eben das wird ästhetisch verarbeitet, bearbeitet, durchgearbeitet, es wälzt die Künste um, nicht zuletzt die Literatur und die Musik. Doch bebildern Dissonanz und das Atonale dieser Neuen Musik nicht nur die Verwerfungen der modernen Welt, ihre grundstürzende Fragilität, sondern auch das neugierige Subjekt, das - fragend, zweifelnd, tastend - nicht sich zurücksehnt in die Vormoderne, sondern etwas Neues sucht.

 

Sendetermin
Sonntag, 16. Mai 2021 - 20:00 bis 22:00
Wiederholung
Freitag, 4. Juni 2021 - 14:00 bis 16:00
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